Wenn das Dach zur Hitzefalle wird: Hitzeschutz im Klempnerhandwerk

Wenn das Dach zur Hitzefalle wird: Hitzeschutz im Klempnerhandwerk

Der Juni 2026 wird in die Wettergeschichte eingehen. Mit einem Spitzenwert von 41,7 °C in Brandenburg am 28. Juni wurden an über 252 Wetterstationen deutschlandweit neue Allzeitrekorde gemessen: eine historische Hitzewelle, wie sie Deutschland in einem Juni noch nie erlebt hat. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) sprach von einer Abweichung von +4 Grad gegenüber dem langjährigen Klimamittel. Und ein Ende des heißen Sommers ist laut aktuellen Prognosen nicht in Sicht: Bis Mitte Juli werden erneut Temperaturen von über 40 Grad erwartet. Was die Hitze im Berufsalltag bedeutet, ist je nach Region und Job unterschiedlich und auf dem Dach wird es besonders hart.

Für Unternehmer im Klempnerhandwerk bedeutet das ein echtes Dilemma: Die Aufträge warten nicht, der Terminkalender ist voll und gleichzeitig arbeitet das Team bei Temperaturen, die körperlich an die Grenzen gehen. Wie trifft man da die richtigen Entscheidungen?

Von Hamburg bis München:

Diese Hitzewelle machte keinen Halt vor Regionen. Von Schleswig-Holstein bis Bayern, von NRW bis Brandenburg, überall stiegen die Temperaturen in Bereiche, die für körperliche Arbeit im Freien zur ernsthaften Belastung werden.

  • Saarland war im Juni 2026 das wärmste Bundesland mit einem Durchschnitt von 20,9 °C und am 27.06.26 einem Spitzenwert von 41,4 °C.
  • Bayern und Baden-Württemberg erlebten zwischen dem 20. und 28. Juni eine Dauerhitze mit tropischen Nächten, in denen die Temperaturen kaum unter 20°C fielen. Wer dort morgens früh auf der Baustelle arbeitete, startete schon bei 25–28°C und arbeitete sich im Tagesverlauf auf über 35°C hoch.
  • NRW und Hessen waren laut DWD besonders von tropischen Nächten betroffen: Mehrere Tage in Folge blieb es auch nachts warm.
  • Hamburg und Schleswig-Holstein: auch hier blieb die Hitzewelle nicht aus. Zwar lagen die Spitzenwerte regional etwas niedriger als im Süden und Osten, doch auch im Norden wurden an mehreren Tagen die 30°C-Marke überschritten.
  • Brandenburg und Sachsen-Anhalt brachen mit Werten von über 41 °C schlichtweg alle Rekorde.

Was alle Regionen eint: Der Unterschied zwischen Lufttemperatur und dem, was auf dem Dach passiert, ist gewaltig.

Die unterschätzte Gefahr: Was passiert auf dem Metalldach?

Hier liegt die besondere Herausforderung für unser Handwerk. Während der Wetterbericht 35°C meldet, zeigt das Infrarot-Thermometer auf einem dunklen Metalldach schnell 60 bis 70°C Oberflächentemperatur und in Extremfällen noch mehr.

Das hat gleich mehrere Konsequenzen:

Für den Körper: Bei körperlicher Arbeit in dieser Umgebung verliert ein Mensch bis zu drei Liter Schweiß pro Stunde. Der Kreislauf wird extrem beansprucht. Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen oder Krämpfe sind wichtige medizinische Warnsignale.

Für die Arbeit selbst: Erschöpfte Mitarbeitende machen mehr Fehler. Die Konzentration lässt nach. Das erhöht nicht nur das Unfallrisiko auf dem Dach, sondern auch die Gefahr handwerklicher Mängel.

Rechtlich: Es gibt auf Baustellen keine fixe Temperaturgrenze, ab der die Arbeit eingestellt werden muss. Arbeitgeber sind aber verpflichtet, nach dem Arbeitsschutzgesetz Maßnahmen zu ergreifen, sobald eine Gesundheitsgefährdung vorliegt und die liegt bei diesen Temperaturen auf der Hand.

Was Betriebe tun können: Maßnahmen aus der Praxis

Wir haben in unserem Netzwerk nachgefragt und folgende Maßnahmen haben sich bewährt. Sie zeigen: Hitzeschutz ist kein Nice-to-have, sondern Führungsverantwortung.

1. Hitzefrei: Kein Eingeständnis von Schwäche, sondern ab einer bestimmten Temperatur eine vernünftige Entscheidung.

Bei SIMA BAU Siegler GmbH gab es in den Spitzentagen der aktuellen Hitzewelle für die Mitarbeitenden hitzefrei. Eine unternehmerische Entscheidung, die bei den aktuellen Höchsttemperaturen langfristig Kosten sparen kann, z.B. durch weniger Krankentage, weniger Fehler und mehr Vertrauen der Mitarbeitenden.

2. BG-Belehrung: Pflicht, die schützt.

Eine Hitze-Unterweisung gemäß BG-Richtlinien ist nicht nur rechtlich geboten, sondern sie ist auch der erste Schritt zu einem sicheren Sommereinsatz. Inhalte: Hitzestress erkennen, Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Kreislaufproblemen, verbindliche Pausenregelungen und klare Kommunikationswege, wenn es jemandem nicht gut geht. Wer das noch nicht gemacht hat: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

3. Wasser (das ganze Jahr, nicht nur im Sommer).

Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht überall. Bewährte Betriebe stellen ihren Mitarbeitenden das ganze Jahr über kostenloses Trinkwasser bereit, nicht nur in Hitzephasen. In der Sommerhitze wird der Flüssigkeitsverlust oft unterschätzt.

4. Textiler Schutz

Langarm bei 38°C? Klingt falsch, ist aber richtig. Eng anliegende, atmungsaktive Langarmkleidung schützt effektiver vor UV-Strahlung und übermäßiger Aufheizung durch direkte Sonneneinstrahlung als nackte Haut. Sonnencreme ist sinnvoll als Ergänzung, aber kein Ersatz für textilen Schutz.

5. Kühlende Kopfbedeckungen, sogar mit BG-Bau-Förderung

Ein echter Gamechanger: Kühlende Kopfbedeckungen speziell für das Handwerk. Beispielsweise bietet M.A.S.C Bauartikel mit dem Produkt „Cool Head” eine Lösung an, die speziell für den Einsatz auf der Baustelle entwickelt wurde und die von der BG Bau mit bis zu 50 % gefördert wird. (Hier bekommst du den Cool Head)

Unternehmerisch an die Hitze herangehen: Schutz ermöglichen und gleichzeitig Arbeit sicherstellen

Hitzeschutz bedeutet nicht, bei jedem warmen Tag die Werkzeuge wegzulegen. Es bedeutet, als Unternehmer die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit das Team arbeiten kann, ohne die Gesundheit zu riskieren. Denn niemandem ist damit geholfen, wenn Mitarbeitende die Hitze stoisch wegstecken und danach krankheitsbedingt ausfallen.

Das fängt bei der Unternehmenskultur an: Wer seinem Team signalisiert, dass es in Ordnung ist, bei echten Warnsignalen wie Schwindel oder Übelkeit eine Pause einzulegen oder anzusprechen, wenn es zu viel wird, der handelt nicht schwach sondern klug.

Und es geht weiter mit konkreten Maßnahmen, die den Arbeitsalltag bei Hitze trotzdem möglich machen:

  • Schattenzelte und temporäre Überdachungen für Pausen- und Vorbereitungsbereiche direkt auf der Baustelle. Sie sind günstig, schnell aufgebaut und sie machen einen Unterschied.
  • Akku-Ventilatoren für die Arbeitsbereiche, an denen Schatten nicht möglich ist, sind dies kleine, mobile Lösungen mit großer Wirkung auf das Wohlbefinden.
  • Flexible Arbeitszeiten: Früherer Beginn, Mittagspause in den heißesten Stunden verlängern, Nachmittag weiterarbeiten: wer den Tag vorausschauend einteilt, schafft das gleiche Pensum mit weniger Belastung.
  • Hitzefrei als letztes Mittel, nicht als erste Reaktion: Bei extremen Spitzenwerten, so wie wir sie Ende Juni erlebt haben, ist es manchmal die einzig richtige Entscheidung. Aber sie ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Das Klima wird wärmer. Die Sommer werden extremer. Was wir jetzt als außergewöhnliche Hitzewelle erleben, könnte in Zukunft ein normaler Juli sein. Die Betriebe, die sich heute ein durchdachtes Hitzeschutzkonzept aufbauen, sind morgen nicht nur einen Schritt voraus, sondern sie sind auch die, bei denen die besten Leute arbeiten wollen.

Habt ihr eigene Erfahrungen oder Tipps aus eurem Betrieb? Schreibt uns, wir freuen uns Best Practices aus dem iib-Netzwerk zu teilen.

Weitere Informationen zur BG-Bau-Förderung von Schutzausrüstungen: www.bgbau.de

 

 

Quellen:

https://www.bgbau.de/themen/sicherheit-und-gesundheit/uv-strahlung-hitze/sonne-und-hitze-mit-diesen-massnahmen-verhindern-sie-hitzebedingte-erkrankungen-am-arbeitsplatz

Fraunhofer Institut für Bauphysik, K. Sedlbauer, H. Gottschling, Sommerliche Temperaturbeanspruchung der Dachhaut bei belüfteten und nicht belüfteten Flachdächern

dwd.de