Exoskelette in der Klempnerbranche: Entlastung für Rücken, Schultern und Beine

Exoskelette in der Klempnerbranche: Entlastung für Rücken, Schultern und Beine

Wer als KlempnerIn oder SpenglerIn arbeitet, kennt die körperliche Belastung des Berufs: Überkopfarbeiten, Heben und Tragen schwerer Bauteile, oder vorgebeugtes Arbeiten in engen Räumen – diese Tätigkeiten hinterlassen Spuren. Nicht überraschend, dass Muskel-Skelett-Erkrankungen zu den häufigsten Gründen für Krankheitstage oder einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Handwerk zählen. Eine Technologie, die hier zunehmend Beachtung findet, sind Exoskelette.

Was genau sind Exoskelette?

Exoskelette sind tragbare, mechanische Stützstrukturen, die am Körper getragen werden. Sie entlasten gezielt bestimmte Körperregionen, etwa Rücken, Schultern oder Beine bei Tätigkeiten wie Heben, Tragen, Arbeiten in der Hocke oder über Kopfhöhe.

Es werden zwei Arten unterschieden:

  • Passive Exoskelette speichern Energie beim Beugen (meist über Federn oder elastische Elemente) und geben sie beim Aufrichten wieder frei (ohne eigenen Antrieb). Diese Modelle eignen sich v.a. für sich wiederholende Bewegungsabläufe.
  • Aktive Exoskelette verfügen über einen eigenen Antrieb mit Steuerungstechnik und unterstützen Bewegungen aktiv. Diese sind z.b. bei schweren, wechselnden Aufgaben zu empfehlen.

Wo werden Exoskelette bereits eingesetzt?

Medizin:

Exoskelette kommen beispielsweise im Operationssaal zum Einsatz, denn lange Eingriffe in gebeugter Haltung belasten Nacken, Schultern und Rücken. Eine Studie des Universitätsklinikums Leipzig begleitete 25 Chirurginnen und Chirurgen bei insgesamt 50 Operationen mit einem Oberkörper-Exoskelett von SuitX. Die meisten konnten es problemlos nutzen und berichteten von weniger Beschwerden sowie mehr Komfort bei langen Eingriffen.

(Quelle: Nutz, Osterhoff, Javers, Theopold, Kleber (2024): Effect of an upper body exoskeleton for surgeons.)

Logistik:

Auch in der Logistik werden Exoskelette bereits im großen Stil eingesetzt: IKEA hat inzwischen über 600 Geräte von SUITX by Ottobock in 22 Ländern im Einsatz. Hintergrund ist die enorme körperliche Belastung, denn Beschäftigte heben und tragen dort täglich bis zu 500 Produkte. In einer IKEA-eigenen Pilotstudie mit 42 Mitarbeitenden sank die Belastung der Lendenwirbelsäule durch das Exoskelett um bis zu 56 %, und die Beteiligten berichteten von weniger Rücken- und Schulterschmerzen sowie mehr Energie nach der Schicht.

(Quelle: SUITX by Ottobock, „A bridge to the future – IKEA loves SUITX by Ottobock“.)

Warum das Thema für die Klempner- und Spenglerbranche relevant ist

Die körperlichen Anforderungen im Beruf, wie etwa Dachentwässerung montieren, Fassaden verkleiden oder die Arbeit mit Kupfer, Titanzink oder Edelstahl, bringen wiederkehrende Belastungen für Rücken und Schultern mit sich. Exoskelette setzen genau hier an: Je nach Modell entlasten sie bei Überkopfarbeiten, beim Heben und Tragen oder bei vorgebeugter Körperhaltung.

Neben dem reinen Gesundheitsschutz spielt ein zweiter Aspekt eine Rolle: die Attraktivität des Berufs für den Nachwuchs. Wenn körperlich fordernde Arbeit durch technische Unterstützung leichter zu bewältigen ist, kann das auch neue Zielgruppen für das Handwerk gewinnen. Ein Argument, das mit Blick auf den Fachkräftemangel zunehmend Gewicht hat.

Erste Erfahrungen aus der Praxis

Einzelne Betriebe testen Exoskelette bereits im Alltag. Ein SHK-Betrieb aus Mönchengladbach etwa ließ sein Monteur-Team im Rahmen des Forschungsprojekts „Handwerksgeselle 4.0″ mehrere Wochen lang verschiedene Modelle erproben, um Hebe- und Tragehilfen für den Arbeitsalltag zu bewerten. In Heidelberg zeigte ein Workshop unter dem Titel „High-Tech-Helfer: Exoskelette als Gamechanger im Handwerk”, wie Handwerker mit Unterstützung eines Exoskeletts spürbar leichter schwere Lasten heben konnten.

Ganz ausgereift ist die Technik allerdings noch nicht. Bislang deckt kein Exoskelett alle Tätigkeiten eines vielseitigen Handwerkeralltags gleichzeitig ab. Jedes Modell ist auf bestimmte Bewegungen spezialisiert. Auch fehlt bislang eine Zulassung für die Kombination von Exoskeletten mit persönlicher Schutzausrüstung, und die Systeme sind noch nicht in die Prämiensysteme der Berufsgenossenschaften aufgenommen. Forschungsprojekte wie „Rehope”, an dem unter anderem Handwerkskammern und Hersteller beteiligt sind, arbeiten daran, Exoskelette gezielt an die Anforderungen des Handwerks anzupassen.

Fazit

Das Potenzial von Exoskeletten im Handwerk ist groß: weniger körperlicher Verschleiß, geringere Krankheitstage und ein Beruf, der für neue Zielgruppen attraktiver wird. Betriebe, die frühzeitig testen, sammeln wertvolle Erfahrungen für den Tag, an dem die Technik im Alltag ankommt.

Mehr zu diesem Thema gibt es auf unserer Mitgliederversammlung am 16. Oktober 2026 im Europäischen Klempner- und Kupferschmiede-Museum

 

Quellen:

Bild: Das neue elektrisch unterstützte IX BACK VOLTON entlastet den Rücken beim Heben. © SUITX by Ottobock